Trägerwerk soziale Dienste

Fachtagung liefert Impulse für die Praxis von Kinder- und Jugendarbeit

"Der Verstand allein nützt gar nichts"

Salem (AK/S. Müller).

Pia Heckel referierte über Auswirkungen von Überforderung, Vernachlässigung und Misshandlungauf die Hirnentwicklung von Kindern. Fotos:Susanne Müller

Kinder lernen nicht fürs Leben, sie lernen für ihre Lehrerin. Es gehe um Beziehung, um Bindung. Darauf hat Pia Heckel, Leiterin des Institutes für Psychotraumatologie in Hamburg, einmal mehr hingewiesen bei einem Fachtag für Akteure aus Politik, Gesundheitswesen, Vorschulerziehung und Schule, Justiz und Polizei und der freien und öffentlichen Jugendhilfe.

Dazu eingeladen hatten die Planungsgruppe "E zieherische Hilfen" des Land? kreises Demmin, das Trägerwerk für Soziale Dienste und das Jugendamt des Landkreises Demmin.

Vor etwa 80 Teilnehmer referierte die Fachfrau aus Hamburg zu neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung und daraus resultierende Schlussfolgerungen für die Praxis. Dabei spannte sie den Bogen von der Schwangerschaftsberatung über Elterntrainings bis hin zur Jugendsozialarbeit.

Deutliche Signale sendete die Dozentin der Neurologie und Psychiatrie auch in Richtung Schule: "Lernen muss eine Herzensangelegenheit sein". Nicht die Drohung, eine 5 zu bekommen, motiviere. Das habe für Kinder keine persönli? che Wichtigkeit, das mache nur Angst. "Das ist wie an einem Grashalm ziehen, damit er schneller wächst – tut er aber nicht, man muss ihn düngen", sagt Pia Heckel.

Verstand allein nütze gar nichts,

Sie erreichen nur etwas mit Gefühl, mit Bindung, betont die Expertin immer wieder. Doch zehn Prozent der Kinder in Deutschland würden ohne Bindungssicherheit aufwachsen. Eine Auswirkung von Überforderung, Vernachlässigung und Misshandlung. Daraus resultiert auch, dass das Frontalhirn – wenn überhaupt – erst sehr viel später ausreift als normal zwischen dem 18. und 20. Lebensjahr. Das Frontalhirn aber sei Voraussetzung, um für sich Ver? antwortung übernehmen, Folgen abschätzen, Mitgefühl zeigen zu können. Ein nicht ausgereiftes Frontalhirn sei vergleichbar mit einem gebrochenen Bein – "damit kann man auch keinen 100?Meter?Lauf absolvieren", schildert Heckel.

Genauso kann ein Lehrling mitunter nicht täglich pünktlich bei der Lehrstelle erscheinen. Weil er seine Handlungen nicht dahin gehend planen könne, weil er die Folgen nicht abschätzen könne, weil er sich der Verantwortung nicht ausreichend bewusst sei. "Der muss acht Wochen lang täglich angerufen, an die Hand genommen, zur Arbeit gebracht werden", führt Heckel aus. Dann nämlich verschalte sich was im Gehirn.

Furchtbar hingegen sei es, wenn ein 22?Jähriger ohne ausgereiftem Frontalhirn in den Knast kommt. "Dann ist es um ihn geschehen, dann wird es nie mehr besser, dann haben wir ihn für immer verloren."

Für Jugendamtsleiterin Anja Zörner sind solche Ausführungen gute Argumentationshilfen zur Beantragung neuer Mittel und für Modellprojekte. Außer- dem setzt sie darauf, dass die pädagogischen Fachkräfte die Fakten aus dem Vortrag nutzen, um noch konkreter das Warum zu hinterfragen. Und dass die Tagungsteilnehmer zurück an ihrem Arbeitsplatz das Thema als Multiplikatoren aufgreifen.

Freiräume sind wichtig Landrat Siegfried Konieczny, der die Schirmherrschaft für die Veranstaltung übernommen hatte, freute sich über die große Resonanz von mehr als 80 Teilnehmern: "Die zeigt mir das großes Interesse am Thema, die persönliche und berufliche Hingabe für das Wohl der Jüngsten unserer Gesellschaft."

Der Landkreis Demmin will sich auf kommunaler Ebene mit einem Kinderschutzkonzept einbringen, dass noch in diesem Quartal in die Be? schlussfassung gehen soll. Es beinhaltet unter anderem Verfahrensstandards wie Meldungsabläufe, wenn etwa eine Vermisstenmeldung eingehe, erläutert Anja Zörner. Und es gebe Aufschluss darüber, was die eine Seite leiste, was die andere.

Indes gibt Referentin Heckel noch Eltern und Elterntrainer einen Wink mit dem Zaunpfahl: Kinder bräuchten Freiräume, in denen sie unbeobachtet eigene Grenzen selbst erleben dürfen. Schule und Nachmittagsveranstaltungen beschneiden diese Räume. Deshalb würden so viele Jugendliche in die virtuelle Welt flüchten, dort seien sie unbeobachtet. Das Zuviel an Förderung aber mache Kinder krank, sie bekommen Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Depressionen.

"Das ist wieder das Ziehen an den Grashalmen", mahnt Pia Heckel. So könnten Kinder auch nicht differenzieren, so lernten sie wahllos.

Heckel weiter: "Wir brauchen aber kreative Köpfe.

Unsere Rohstoffe sind die Gehirne der Menschen."

     

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